Online-Dokumentation: Der Tod und die Kinder
20.12.2009 Von der Entstehung eines Hörspiels
Wir wollen die Entstehung eines Hörspiels öffentlich machen. Jeder hat schon einmal das "making of" eines Films gesehen. Was wir heute vermissen, ist ein ähnlich offener Umgang mit Hörspielproduktionen. Kaum jemand wird behaupten können, einen umfassenden Bericht zu kennen, der uns die Arbeit an einem Hörspiel in all ihren Prozessen näher bringt.
Wir wollen anknüpfen an die Zeit des Neuen Hörspiels der 1960er und 1970er Jahre, in denen die Rundfunksender nicht nur Hörspiele sendeten. Damals öffneten die Funkhäuser ihre Studios und ließen die Hörer an der Entstehung ihrer Werke teilhaben. Das Internet ist gegenwärtig die ideale Plattform für ein solches Vorhaben. Von nun an werdet ihr auf dieser Seite regelmäßig Werkstattberichte lesen, hören und ansehen können, die unseren Weg von der Idee zum fertigen Hörspiel nachzeichnen. Dafür haben wir uns auch die Unterstützung von jungen Brandenburgern gesichert.
Februar 2009 Mediale Sprünge I
Sebastian Hocke über "Der Tod und die Kinder" als Hörspielstoff
Spulen wir die Zeit um ein paar Monate zurück. Es ist Februar 2009. Martin Bauch und ich arbeiten in der letzten Phase an zwei kurzen Theaterstücken für das HdO. Weil wir keine Lust auf »gewöhnliches« Theater haben, läuft unser Projekt unter folgenden Vorzeichen: Theater als mediale Spielform zwischen Bühne, Film und Hörspiel. Zwei Autoren, zwei Konzepte, zwei Dramen an einem Abend.
Ich versuche ein Theaterstück fast unter Verzicht von visuellen Elementen zu erzählen (»Die Einsamkeit des Waldes und der Finsternis«) nehme dafür die Stimmen der Darsteller über Mikros ab und unterlege die Szenen mit Atmos und Musik. Das Gegenstück bildet Martins »Der Tod und die Kinder«. Das Stück arbeitet mit Videotagebüchern, wobei die Filme mit der Handlung auf der Bühne in den Dialog treten. Film und Hörspiel wurden hier von uns mitgedacht, in die Erzählweise mit einbezogen.
Während wir getrennt voneinander proben, fällt uns auf, dass die Stücke auch ganz anders funktionieren könnten. Ich gehe mit meinen Darstellern in den Wald, probe dort in der Dunkelheit und filme. Ein geschnittener Film der Proben macht ziemlich schnell klar – mein Audiodrama ist vermutlich viel mehr Film als das was es sein will. Die Aufnahmen sind intensiv. Eine letzte Probe auf der Bühne bestätigt die Befürchtung. Ohne Kamera als Vermittlerinstanz und vor allem ohne entsprechendes Setting ist alles lange nicht so intensiv, wie während der nächtlichen Probe im Wald.
Auch Martin arbeitet nicht nur mit Filmausschnitten, sondern auch mit Soundeffekten und Musik. Die Figuren sprechen Monologe in Verhörsituationen, antworten auf Fragen, die herausgeschnitten sind. Als ich die Generalprobe sehe, stelle ich fest: Das visuelle Theater mit Filmen ist viel mehr Hörspiel als mein Audiodrama. Und das Erlebnis ist intensiv. Ich kann die Augen zumachen und das Stück nur mit den Ohren genießen. Für mich steht fest: »Der Tod und die Kinder« ist ein hervorragender Hörspielstoff.
Video 1: Eine Szene vom Mitschnitt des Theaterstückes im HdO Februar 2009
September 2009 Vorproduktion I
Sebastian Hocke über Grundlagen der Hörspieladaption
Rewind. Die Adaption eines Textes für ein neues Medium stellt eine Herausforderung dar. Das gilt im besonderen Maße für ein Theaterstück, das visuell geprägt ist und nun in eine rein akustische Erzählung umgesetzt wird. Elemente, die auf der Bühne gezeigt werden können, müssen hier hörbar gemacht werden.
Ich adaptiere gemeinsam mit Martin Bauch sein Theaterstück »Der Tod und die Kinder«. Wir verständigen uns darauf, dass alles dokumentarischen Charakter haben soll. Wir wollen den Eindruck erwecken, dass es sich bei den Aufnahmen um »wirkliches« Material handelt und nicht um eine erfundene Geschichte.
Das Material wird aus Vernehmungsmitschnitten und Videotagebüchern bestehen. In seinem Stück sprechen zwei Personen voneinander unabhängig in Verhörsituationen (siehe Video 1), Thomas und Katharina. Sie arbeiten den tragischen Tod von Annika Göde auf, die vor ihrem Ableben Videotagebücher gedreht hat, die dem Publikum immer wieder gezeigt werden.
Was auf der Bühne mit einem Blick sichtbar wird – dass zwei Erzählstränge, nicht an zwei Orten, sondern im selben Raum ablaufen, dafür aber zeitlich versetzt – ist im Hörspiel keine einfache Angelegenheit. Die Räume dürfen sich akustisch nicht voneinander unterscheiden. Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, dass beide Figuren gemeinsam im Raum anwesend sind. Auch die Videotagebücher sind voll von visuellen Informationen, die für den Zuschauer wichtig sind und auch für den Zuhörer verständlich gemacht werden sollen.
November 2009 Konzept
Audiodrama on location I
Erneuter Sprung zurück. Jump cut gewissermaßen. Diesmal auch zum Hören. Zum Jahresbeginn werden wir in der Gegenwart ankommen und verlassen die Vorproduktion. Zu der gehören aber noch ein paar grundlegende Gedanken zur Ästehtik unseres Hörspiels, zu Prinzipien des Erzählens und ein paar Fetzen Medienwissenschaft.
